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Archiv: Volkelt-Briefe

Volkelt-Brief 25/2020

Geschäftsführer-Gehalt: Alle müssen kürzer treten + GmbH/Strategie: Anregungen für die Zeit „danach“ + Geschäftsführer-Perspektive: Papier und Praxis + Praktisch: Preise neu kalkulieren + Digitales: Hygiene – neu erfinden + GmbH/Finanzen: Gute Ideen für höhere Preise und mehr Umsatz + Neues Urteil: Schutz von Geschäftsgeheimnissen + Sommerpause: Mehr Möglichkeiten für kurzfristige Beschäftigungen + GmbH/Recht: Rechtsstreitigkeiten bleiben liegen + Neues Urteil: Korrekte Ausstellung eines qualifizierten Arbeitszeugnisses + GmbH/Recht: gUG (haftungsbeschränkt) ist möglich

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Freiburg, 19. Juni 2020

Sehr geehrte Geschäftsführer-Kollegin, sehr geehrter Kollege,

nicht nur die Mitarbeiter auf Kurzarbeit müssen im Geschäftsjahr 2020 kürzer treten. Auch alle (Gesellschafter-) Geschäftsführer, die einen Teil ihrer Vergütung als Tantieme verdienen, werden die wirtschaftliche Talfahrt in der privaten Geldbörse zu spüren bekommen. In Zahlen: 3 von 4 Geschäftsführern haben einen vertraglichen Anspruch auf eine Erfolgsbeteiligung. Alleine in der Industrie beziehen 86 % der Geschäftsführer eine Tantieme, bei den Dienstleistern sind es 73 %, die ihre Vergütung als Gewinnbeteiligung beziehen. Gesellschafter-Geschäftsführer werden danach in der Durchschnittsbetrachtung bis zu 37.000 EUR weniger verdienen. Dem Fremd-Geschäftsführer können mit Ablauf des Geschäftsjahres bis zu 44.000 EUR in der Endabrechnung fehlen.

Die meisten Kollegen/Innen wurden in den letzten Jahren erfolgsverwöhnt und werden mit der Kürzung leben können. Einige Kollegen/Innen werden sich aber auch eingestehen müssen, dass sich Unternehmen in Branchen mit (andauernd) niedriger Umsatz- und EK-Rendite auf Dauer nicht mehr rechnen werden. Insbesondere ältere Kollegen/Innen haben hier bereits die Reißleine gezogen und ihre GmbH aufgegeben – nicht zuletzt um zu verhindern, dass sie Mittel aus ihrer Altersversorgung zuschießen müssen. Für die betroffenen Geschäftsführer/Innen eine pragmatische und realistische Lösung.

Etwas vager sieht die Rechnung für die Kollegen/Innen aus, die ihre Altersversorgung aus eigenen Mitteln erwirtschaften müssen. Die Ansprüche aus der Direktversicherung sind in Folge des Niedrigzins bereits seit Jahren konstant. Der massive Geldzufluss wird mittelfristig Wirkung zeigen und Barvermögen und Versicherungen entwerten. Hier gilt es neu zu disponieren.

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GmbH/Strategie: Anregungen für die Zeit „danach“

In den meisten GmbHs stehen die Themen „Folgen der Corona-Krise“, „Tauglichkeit des Geschäftsmodells“, Digitalisierung und Strukturveränderungen der Märkte auf der Tagesordnung in den Meetings und Projektbesprechungen. Die Mitarbeiter haben viele Anregungen, Ideen und Innovationen eingebracht. Sinnvolle, überfällige, machbare, aber auch überzogene oder einfach nur unrealistische. Aufgabe der Geschäftsführung ist es jetzt, zu ordnen, zu gewichten, Schwerpunkte zu setzen und – natürlich – Entscheidungen zu treffen. Wichtig ist dabei, die einzelnen Maßnahmen in den Gesamtkontext einzubauen. Genauso wichtig ist es aber auch, mit den Mitarbeitern zu kommunizieren und Ihre Strategie zu erklären und zu vermitteln. Wem sage ich das. Ich möchte Ihnen an dieser Stelle nochmals stichwortartig darstellen, welche Konsequenzen aus der wirtschaftlichen Krise für erfolgreiches Wirtschaften gezogen werden müssen (sollten):

  • Strategie und Geschäftsmodell: Einfach gesagt, aber im Einzelfall schwer umzusetzen. Fakt ist, dass die Generation Internet (Digital Natives) kontinuierlich Verantwortung und Positionen in Gesellschaft und Wirtschaft übernimmt – und auch als Verbraucher und Konsumenten immer relevanter wird. Viele Branchen sind darauf immer noch nicht eingestellt, einzelne Branchen werden aber auch überhaupt nicht mehr nachgefragt werden. Marktbeobachtung, Benchmarking, Vernetzung mit der (regionalen und internationalen) StartUp-, der Privat-Equity-Szene und mit Digitalisierungs-Initiativen sind wesentliche Entscheidungshilfen für die Neupositionierung des Geschäftsmodells. Auch der Kollegen/Innen-Austausch, Zugang zu Experten-Netzwerken und qualifizierten Informationsquellen sind unabdingbar.
  • Führung: Geschäftsführungen müssen sich darauf einstellen, immer öfter unter unsicheren Bedingungen entscheiden zu müssen. Dennoch müssen Sie die Mitarbeiter von ihren Zielen überzeugen. Konflikte sind dabei notwendiger Bestandteil der Veränderungskultur. Der Management-Berater Reinhard Sprenger nennt das den „Störungsauftrag der Unternehmensführung“. Ihr Aufgabe besteht darin, die Kommunikation zwischen den einzelnen Bereichen/Projekten/Interessengruppen zu moderieren und auf die Unternehmensziele zu fokussieren.
  • Mitarbeiter/Innen: Die „Generation Homeoffice“ hat sehr schnell gelernt, dass eine gute Selbstorganisation und die Übernahme von Verantwortung notwendige Voraussetzungen für die Systemrelevanz ihres Arbeitsplatzes sind. Auch Teams haben die Fähigkeit zur Selbstorganisation, bis hin zur Festlegung von eigenen Zielen und deren Umsetzung. Selbst-Management wird zu einer wichtigen Qualifikation im Mitarbeiter-Recruiting.
  • Finanzen: Rücklagen sind nicht nur Sicherheit, sondern ein echter Wettbewerbsvorteil und bieten darüber hinaus Chancen für eine gezielte und systematische Ausdehnung der geschäftlichen Aktivitäten (Zukäufe, Beteiligungen).
Wie intensiv und corona-beschleunigt sich Strukturwandel gegenwärtig vollzieht, offenbaren die Ereignisse um Kaufhof/Karstadt, Real (Einzelhandel), VW, Heidelberger Zement oder Thyssen-Krupp (Produktion), aber auch Lufthansa (Logistik) oder ganze Branchen wie Hotellerie/Gastronomie, Events und Messen.  Schneller als bisher abzusehen werden diese großflächigen Veränderungen auch auf alle typisch mittelständischen Unternehmen wirken. Als Geschäftsführer sind Sie gefordert, die damit verbundenen Herausforderungen zu antizipieren und Ihren Kunden jederzeit markttaugliche Lösungen zu bieten.

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Geschäftsführer-Perspektive: Papier und Praxis

Realität ist das Eine. Papierform das Andere. Ob Hygiene-Vorschriften, Sicherheits-, Produktions- oder Umweltstandards: Mit der stetig steigenden Zahl gesetzlicher Vorgaben hat sich eine Zertifizierungs-Industrie etabliert, die gut verdient und bei den Unternehmen zu einem festen Kostenbestandteil geworden ist. Im Gegenzug gibt es den Freibrief für´s Weitermachen. Mal auf einen einfachen Nenner gebracht. Viele Kollegen/Innen machen die Erfahrung, dass die Zertifizierungsstelle das Unternehmen „nie von innen gesehen hat“ – die Pflegebranche lässt grüßen. Auf der Agenda der Politik steht jetzt die Konfliktmineralienverordnung. Unternehmen, die Rohstoffe aus dem Ausland beziehen, müssen ein Risikomanagementsystem installieren, das die Lieferketten auf Rechtskonformität überprüft. Entwarnung: Nicht notwendig ist, einen Detektiv mit Vor-Ort-Ermittlungen zu beauftragen. Mit freundlichen Grüßen.

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Praktisch: Preise neu kalkulieren

Betrifft … Darum geht es … to do …
Controlling/Kalkulation Die bis zum 31.12.2020 begrenzte Absenkung der Mehrwertsteuer ist für viele Unternehmen Möglichkeit oder sogar Notwendigkeit, die Preise neu zu justieren. Nutzen Sie dazu unsere praktischen Arbeitshilfen > Kalkulation von Verkaufspreisen

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Digitales: Hygiene – neu erfinden

„Smart Home“ beinhaltet alle digitalen Innovationen, die den häuslichen Lebensbereich der Menschen betreffen – vom Sicherheitssystem bis zur intelligenten Klimasteuerung, von Alexa bis zum digitalen Einkauf von Lebensmitteln. In Fernost beschäftigt man sich jetzt mit der intelligenten und vernetzten Robotic-Toilettenanlage – der IoT der japanischen Firma Lixil Housing Technology. Der WC-Deckel öffnet automatisch und wird im Winter vorgewärmt. Geruchs-Emissionen werden angesaugt und mit Plasma-Ionen neutralisiert. Die Reinigung erfolgt auf Knopfdruck mit einem körpertemperierten Wasserstrahl, die Trocknung per Föhn. Gespült wird automatisch. Anschließend wird desinfiziert. Und es wird weiter geforscht – etwa zur Anwendung in Krankenhäusern und Pflegheimen. Per KI werden dort Urin und Stuhl auf Krankheitssymptome analysiert und in der Krankheitsakte vermerkt. Auch Panasonic und andere Player haben diesen Markt der Zukunft entdeckt und suchen beständig nach neuen Anwendungen und Lösungen. Die deutschen Sanitär-Hersteller, Installateure und Verkaufsprofis sind gefordert. Der deutsche Hersteller Grohe hat unterdessen japanische Eigentümer. Immerhin: 20 Millionen deutsche Haushalte sind neu zu bestücken und müssen aufgerüstet werden.

Japan ist damit Vorreiter, wie die weitere Entwicklung in der Hygiene- und Medizintechnik aussehen wird (kann). Roboter für die Medikamentenausgabe (Panasonic), Roboter, die Patienten in der Reha unterstützen oder tragen (Toyota), Sprachassistenten werden Patienten an die Einnahme von Medikamenten erinnern oder zum Wassertrinken auffordern. Das Wettrennen ist eröffnet.

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GmbH/Finanzen: Gute Ideen für höhere Preise und mehr Umsatz

Preise erhöhen oder die Mehrwertsteuersenkung weitergeben? Nicht wenige Geschäftsführer/Innen spekulieren derzeit über die Wirkung einer verdeckten Preiserhöhung. Hilfreich ist u. U. eine Kombination der verschiedenen Preiserhöhungsszenarien. Die erfolgreichsten Strategien für ein neues Pricing sind:

  • Abgespeckte Versionen: Reduzieren Sie Ihr Produkt auf das Wesentliche. Bieten Sie Ihr Produkt als Basis-Produkt an. Das ermöglicht Ihren Kunden mehr Flexibilität.
  • Zusatzleistungen gesondert berechnen: Bieten Sie zu Ihrem Produkt nur zusätzlich berechnete rundherum Leistungen. Die Kaufentscheidung wird entzerrt.
  • Produkt und Service trennen: Service ist nicht nur ein Verkaufsargument, sondern ein eigenständig verkaufbares Produkt. Der Kunde ist leichter bereit für einen wirklichen Mehrwert zu zahlen.
  • Verpackungen verkleinern: Kleinere Verpackungen sind teurer als große. Aber: Im Bewusstsein des Kunden sind kleine Packungen „Sparpackungen“.

Sensibilisieren Sie Ihre Mitarbeiter für das Pricing. Die Mitarbeiter kennen die Kunden, sprechen regelmäßig mit ihnen und wissen sehr genau, „wo es brennt“. Geben Sie den Mitarbeitern die Flexibilität, die sie brauchen, um mit dem Kunden flexibel und individuell ins Geschäft zu kommen. Dazu gehören z. B. auch Preisvorgaben mit verkürzten Laufzeiten – dass sie also bereit sind, nach einem Viertel oder einem halben Jahr über neue Konditionen zu verhandeln.

Vor einer Preiserhöhung gibt es zahlreiche Möglichkeiten, Kunden bei der Stange zu halten. Suchen Sie das Gespräch mit dem Kunden (Stammkunden) – es ist wichtiger denn je. Jeder Kunde bewertet die wirtschaftliche Situation anders und hat andere Möglichkeiten damit umzugehen. Kommunizieren Sie Ihre Situation, machen Sie dem Kunden Ihre Situation transparent. Gehen Sie auf die Möglichkeiten des Kunden ein. Bedenken Sie dabei aber, dass sich Sonderkonditionen in der Branche schnell herumsprechen und sich davon ausgeschlossene Kunden benachteiligt sehen.

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Neues Urteil: Schutz von Geschäftsgeheimnissen

Das Bundesverwaltungsgericht (BVerwG) hat in einem neuen Urteil zur Reichweite und zum Schutz von Geschäftsgeheimnissen Stellung genommen.  Geschützte Betriebs- und Geschäftsgeheimnisse sind dabei alle auf ein Unternehmen bezogenen Tatsachen, Umstände und Vorgänge, die nicht offenkundig sind. Das umfasst nicht nur kaufmännische, sondern auch betriebstechnische Informationen. Damit präzisiert das BVerWG   erstmalig die zuletzt zum 18.4.2019 neu geregelte Rechtslage nach dem Geschäftsgeheimnis-Gesetz (BVerwG, Beschluss v. 5.3.2020, 20 F 3.19).

Im Verfahren wollte ein Ingenieur-Büro von einer wissenschaftlich-technischen Bundesbehörde Zugang aus einem dort durchgeführten Verfahren über die Bauartzulassung von Geschwindigkeitsmessgeräten gerichtlich durchsetzen. Die Behörde hatte einen Teil der Unterlagen herausgegeben und lediglich einige Passagen in den Unterlagen geschwärzt und als geheimhaltungswürdig gekennzeichnet. Zu Recht – wie die Richter des Bundesverwaltungsgerichts jetzt bestätigten. Das Urteil ist abschließend und rechtskräftig.

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Sommerpause: Mehr Möglichkeiten für kurzfristige Beschäftigungen

Die Deutsche Rentenversicherung (DRV) hat eine Ausnahmeregelung für kurzfristige Beschäftigung – also Aushilfen von Schülern und für befristete Jobs für Schulabgänger – über den Sommer 2020 beschlossen. Danach gilt: Kurzfristige Beschäftigungen sind üblicherweise von der Kranken-, Pflege- und Rentenversicherung befreit, soweit die Beschäftigung längstens über 3 Monate oder 70 Arbeitstage andauert. Diese Zeitgrenzen sind übergangsweise für den Zeitraum vom 1.3.2020 bis zum 31.10.2020 auf 5 Monate bzw. 115 Arbeitstage erhöht (Sozialschutzpaket vom 27.3.2020, Ferienjobs und Corona).

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GmbH/Recht: Rechtsstreitigkeiten bleiben liegen

Corona- bedingt wurden in den letzten Monaten auch zahlreiche Verfahren, in denen es um rechtliche Auseinandersetzungen um GmbH-Themen ging, ausgesetzt, da die Abstandsregelungen umgesetzt werden mussten. Inzwischen haben sich die Justizbehörden darauf verständigt, sog. Bagatellverfahren beschleunigt zu verhandeln. GmbH-Themen profitieren davon allerdings nicht. Die werden wegen höherer Streitwerte vor den Kammern für Wirtschaftsangelegenheiten und damit vor dem Landgericht verhandelt.

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Neues Urteil:  Korrekte Ausstellung eines qualifizierten Arbeitszeugnisses

In einer Entscheidung des Landesarbeitsgerichts (LAG) Köln hat das Gericht jetzt verbindlich festgestellt, was Arbeitgeber bei der Ausstellung eines qualifizierten Zeugnisses  in Sachen Datierung beachten müssen. Danach gilt: „Das Zeugnisdatum, mit dem ein qualifiziertes Arbeitsendzeugnis versehen wird, hat regelmäßig den Tag der rechtlichen Beendigung des Arbeitsverhältnisses zu bezeichnen, nicht dagegen den Tag, an dem das Zeugnis tatsächlich physisch ausgestellt worden ist“ (LAG Köln, Urteil v. 27.3.2020, 7 Ta 200/19).

Darauf sollten Sie es nicht ankommen lassen. Zumal es unterdessen häufige Praxis von gekündigten Arbeitnehmern ist, mit anwaltlicher Beratung systematisch nach Fehlern im Kündigungsverfahren zu fahnden und es auf eine gütliche Verständigung – im Sinne einer Abfindung – ankommen zu lassen.

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GmbH/Recht: gUG (haftungsbeschränkt) ist möglich

Eine Unternehmergesellschaft   (haftungsbeschränkt) ist – wie die gemeinnützige GmbH – auch als Rechtsform für eine gemeinnützige Unternehmergesellschaft rechtlich zulässig und muss vom Registergericht auch so eingetragen werden. Nach einem Grundsatz-Beschluss des Bundesgerichtshofs (BGH) sieht keine Gefahr der Irreführung des Publikums. Voraussetzung ist allerdings, dass die Gemeinnützigkeit im Gegenstand der UG korrekt ausgewiesen wird. Dazu der BGH: „Die Tatsache, dass die Zulässigkeit der Bezeichnung als „g“-Gesellschaft nicht auch ausdrücklich für die Unternehmergesellschaft geregelt wurde, ist „vermutlich ein Redaktionsversehen“ des Gesetzgebers“ (BGH, Beschluss v. 28.4.2020, II ZB 13/19).

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Eine informative Lektüre und ein erholsames Wochenende wünscht

Ihr

Lothar Volkelt

Dipl. Volkswirt, Herausgeber + Chefredakteur Volkelt-Brief

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